Stadtgärtnerei, Basel, © Robert Adam

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Debatte

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17. matg 2016 | Peter Wullschleger | Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen

Verdächtiges Einvernehmen

Das Gartenjahr 2016 stösst überall auf Interesse, offene Ohren und Türen. Die Brisanz und Aktualität des Themas «Raum für Begegnungen», welche einerseits die Bedeutung urbaner Freiräume für das Zusammenleben und andererseits den Druck auf diese Räume angesichts der urbanen Verdichtung in den Fokus stellt, begegnet kaum Widerstand.

Keine Kritik. Keine Gegenposition. Klatschen von links bis rechts, von Biodiversität bis Architektur. Angesichts der generellen Zustimmung könne man sich fragen, ob eine solche Kampagne überhaupt nötig ist, ob nicht alle Akteure bereits sensibilisiert und die hehren Ziele des Gartenjahres verinnerlicht sind und gelebt werden. Oder die Kampagne erreicht bis Dato nicht die wahren Täter und Verantwortlichen. Wen gälte es denn zu überzeugen?

Täter schaffen Tatorte und solche sind offensichtlich. Wer sich in den Entwicklungsgebieten zwischen Lac Léman und Bodensee umsieht, wird sich augenblicklich der Kampagne anschliessen. Können sich die Fachleute gegen Auftraggeber und Bauherrschaften nicht durchsetzen? Entwickelt die Bevölkerung zu wenig Druck auf Politik und Verwaltung?

Vordergründig zufriedene Bevölkerung

In der Wohntraumstudie von MoneyPark 2015 wurde nachgewiesen, dass nur 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Stadtzentrum und sogar nur 10 Prozent isoliert auf dem Land leben möchten. Alle anderen fühlen sich am Stadtrand, in der Agglomeration und auf dem Dorfe (oder dem was sie dafür halten) am wohlsten. Beim Immobilientyp bevorzugen 60 Prozent das Einfamilienhaus, notfalls in einer Reihe (3%). Das Resultat dieser Präferenzen nennt Benedikt Loderer «Hüsli-Schweiz». Verschiedene Studien der WSL zeigen eine grosse Zufriedenheit der Schweizer Bevölkerung mit ihrer Wohnumgebung, welche sie unabhängig von der realen Situation gerne als dörflich wahrnimmt.

Dieser Befund zeigt, dass Landschaft halt auch im Kopf stattfindet, denn dieselben Zufriedenen haben auch der Revision des Raumplanungsgesetzes oder Kulturlandinitiativen zugestimmt. Da man sein Zuhause letztlich selber gewählt und mitunter viel Geld und Energie in die Wahl gesteckt hat, kann man sich nur schwer eingestehen, dass man es nicht «schön hat».

Hintergründig zufriedene Investoren

Patrick Gmür, der Noch-Direktor des Züricher Amts für Städtebau sagte 2015 in einem Interview mit der Fachzeitschrift Tec21: «Die städtebaulichen Inputs in der Agglomeration sind ... meist nicht von der Gemeinde initiiert, sondern von Investoren oder Grundeigentümern. Sie erhoffen sich in erster Linie, mit hoher Dichte bzw. Ausnützung, Geld zu verdienen.» Gemeindepolitiker und Behörden auf der Suche nach Steuersubstrat ziehen es vor, diesen nicht all zu grosse Steine in den Weg zu legen.

Investoren denken selten in sozialen Kategorien. Ihre Kernkompetenz liegt in der kurzfristigen Optimierung der Rendite auf das investierte Kapital, welches aktienmarkt-gebrannte Pensionskassen gerne und ausreichend zur Verfügung stellen. Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum schaffen Zuversicht.

Diese städtebauliche Goldgräberstimmung in einem planerischen Wildwest-Dekor, in welchem sogar das Dogma der Trennung von Bau- und Nichtbaugebiet nicht mehr für räumliche Konturen sorgt und alles andere eh verhandelbar ist, haben vordergründig nicht monetarisierbare Anliegen wie die Schaffung von multifunktionalen Begegnungsräumen oder identifikationsstiftenden Landschaften einen schweren Stand.

Unzufriedene Experten

Die fehlende Investition in langfristige gesellschaftliche Werte, in die Gemeinschaft, in das Wohlbefinden, in soziale Kohäsion und Integration, in Biodiversität und Naturerfahrung stösst den Fachleuten sämtlicher raumrelevanter Planungsdisziplinen sauer auf. Alle mit einem Diplom als Treiber von Entwicklungen und Gestalter unseres Lebensraumes in der Tasche finden sie sich im Berufsalltag als Getriebene wieder. Durch Kosten und Termine nicht weniger unter Druck als der Raum, den sie gestalten, selbst.

Architekten, Raumplaner, Landschaftsarchitekten und Ökologen interessieren sich also nicht aus Sentimentalität und Opportunismus für die Kampagne «Gartenjahr 2016 – Raum für Begegnungen» und unterstützen deren Zielsetzungen. Sie sind nicht die primären Adressaten sondern Teil der Leidensgemeinschaft. So lässt sich indessen einem der Ziele der Kampagne näher kommen, nämlich der fachlichen Solidarität und der Zusammenarbeit über Disziplinengrenzen hinweg.

Annäherung von Schein und Sein

Zu überzeugen gilt es aber die Auftraggeber, diejenigen welche nicht in sozialen und ästhetischen Kategorien denken, sondern für welche der Raum lediglich die Brutkammer ihrer Kapitalrendite ist. Von Landschaft sei an dieser Stelle erst gar nicht die Rede, denn Landschaft ist per Definition mit Bedeutung und Wert aufgeladener Raum.

Diesen Wert gilt es zu verdeutlichen und zu postulieren. Landschaft – und als solche ist gemäss obiger Definition auch die Stadt und der Siedlungsraum generell zu begreifen – ist also vielleicht tatsächlich vom Verschwinden bedroht, nicht physisch, nicht durch Hüsli-Schweiz und Bauten ausserhalb der Bauzonen, sondern durch den Bedeutungsverlust.

Hier liegt die grosse Herausforderung, aufzuzeigen was mit dieser Bedeutung einher geht, was auf dem Spiel steht. In landschaftlichen Dimensionen zu denken heisst eine Beziehung eingehen, sich kümmern, Stellung beziehen. Seinen Lebensraum als Landschaft wahrnehmen heisst, sich der Realität stellen.

21. avrigl 2016 | Patrick Schoeck-Ritschard | Schweizer Heimatschutz, Leiter Baukultur

Gute Verdichtung beginnt bei der Wertschätzung der Grünräume

Die Landschaft in den Ortskernen als Wert erkennen

Der Charakter unserer Städte und Dörfer ergibt sich durch das Zusammenspiel zwischen Häusern, Strassen, Nutzgärten, Umfassungsmauern oder Streuobstwiesen. Eine Handhabe, um diese einmaligen Werte zu erhalten, fehlt vielerorts. Der Zwang zu mehr Dichte in den Wachstumspolen und die Forderung nach der Reduktion des Baugebietes auf dem Land verlangen nach neuen Lösungsansätzen, die Landschaft und Siedlung als Ganzes verstehen. Andernfalls droht eine ungebremste Zersiedelung gegen innen.

Die Landschaft in den Ortskernen erkennen

Die Weinberge greifen bis in den Ortskern hinein; Zwischen den einzelnen Häusern breiten sich hinter Mauern üppige Nutzgärten mit Obstbäumen und Beerensträuchern aus, in denen Vögel zwitschern. Dieses idyllische Bild drohte im Bündnerischen Fläsch verloren zu gehen: die Parzellen lagen in der Bauzone und konnten entsprechend bebaut werden. Es brauchte eine kluge Idee, viel Engagement und einen langen Atem, um dieses wertvolle Ensemble durch eine Neuordnung des Baugebietes erhalten zu können. Mit dem Wakkerpreis hat der Schweizer Heimatschutz 2010 diese Leistungen gewürdigt und bekannt gemacht.

Am Anfang stand in Fläsch die simple Erkenntnis, dass die Landschaft nicht erst am Siedlungsrand beginnt, sondern mitten im Dorf. Erfolgreich war letztlich eine Milchbüchlein-Rechnung: Durch die Auszonung am richtigen Ort im Dorfkern und eine Einzonung einer Wiese am Siedlungsrand ging kein Quadratmeter Boden verloren. Damit hat sich die Gemeinde letztlich die Gelegenheit geschaffen, sich wirklich frei zu entwickeln, ohne damit ihre vorhandenen Werte zu zerstören.

Bauland auszonen, um die Landschaft der Ortskerne zu erhalten

Mit dem revidierten nationalen Raumplanungsgesetz sind zahlreiche Kantone unter Zugzwang geraten: Die Bauzonen in vielen Gemeinden der Schweiz sind viel zu gross. Das von den Schweizer Stimmberechtigten sehr deutlich angenommene Raumplanungsgesetz verlangt nun nach Strategien, wie das Bauland reduziert werden kann.

Das Beispiel von Fläsch zeigt, dass Auszonungen nicht grundsätzlich am Siedlungsrand stattfinden müssen: Allzu oft haben Ortsplaner vor dreissig oder vierzig Jahren euphorische Entwicklungsphantasien in Zonenpläne umgesetzt. Dabei wurden Kirchhänge, Streuobstwiesen oder wertvolle Nutz- und Ziergärten ohne Rücksicht auf die vorhandenen räumlichen Qualitäten der Bauzone zugewiesen. Sie wurden so von landwirtschaftlichen Grundstücken zu Bauland – und damit zu finanziellen Werten.

Es ist an der Zeit, eine echte Reparatur der fehlerhaften Ortsplanungen anzugehen – auch wenn dies Geld und Zeit kostet. Der Zwang zur Rückzonung wäre der ideale Moment, um wertvolle kleinere, aber wichtige Grünräume in den Dörfern vor einer Bebauung zu schützen. Der Schweizer Heimatschutz hat auf diese einmalige Chance bereits 2015 hingewiesen.

Überholte Denkmuster überwinden

Der Fokus des revidierten Raumplanungsgesetzes liegt aber nicht auf der Auszonung, sondern auf der inneren Verdichtung. Aber auch hier gelten dieselben Voraussetzungen: Eine langfristig positive Verdichtung gelingt nur, wenn der Spagat zwischen Identität und Entwicklung gelingt. Wenn alte Umfassungsmauern, grosse Linden am Dorfplatz oder Zedern in Villengärten unbedacht verschwinden, droht eine Zersiedelung gegen innen, die unheilbare Narben hervorruft. 

Beispiele wie die Gemeinde Fläsch oder die Talschaft Bergell (Wakkerpreisträger 2015) zeigen, wie die Herausforderungen kommunal pragmatisch und realistisch angegangen werden können. Dazu braucht es in erster Linie ein Bewusstsein für die landschaftlichen Werte im Baugebiet. Denn meistens bedauert man den Verlust erst, wenn er sichtbar ist.

«Raum für Begegnungen», wie es das Gartenjahr 2016 einfordert, entsteht in Dörfern zumeist nicht in Parks, sondern dort, wo sich die Menschen im Ortsbild intuitiv wohlfühlen und ein Stück Identität finden. Dazu braucht es aber den Willen zur gemeinsamen Zusammenarbeit. Dies gelingt nur, wenn Politik, Ortsplanung, Denkmal- und Ortsbildpflege sowie der Natur- und Landschaftsschutz zusammenspannen und ihr Wissen und ihre Forderungen zu einem grossen Ganzen vereinen.

02. mars 2016 | Alain Berset | Bundesrat, Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern

Grussbotschaft

Das Gemüsebeet auf dem Balkon, die Tomatenpflanze auf der Verkehrsinsel, die Blumen im Schrebergarten – das Bedürfnis nach Garten ist gross. Es ist der Wunsch nach Realem in einer Welt, in der das Virtuelle immer zahlreichere Lebensbereiche durchdringt. Die digitale Revolution weckt unsere Sehnsucht nach Sinnlichem, nach organisch Wachsendem. Urban gardening ist nur ein Ausdruck davon.

Der Garten ist real, egal ob als exotische Oase, Stadtpark oder Gemüselieferant. Im Garten wirken die Kräfte der Natur, er blüht und welkt, spendet Schatten und trägt das Gesicht der Jahreszeiten. Er ist handfest, er hat Farbe und Struktur, Gewicht und Geruch. Nicht zuletzt ist er ein Ort der Entschleunigung und Selbstbesinnung.

Der Garten braucht Pflege. Jeder Garten muss kultiviert werden, sonst verwildert er, auch die wildesten unter ihnen. Das Paradies ist ohne Jäten nicht zu haben. Und der Garten als Begegnungsraum braucht unseren Schutz. Gärten sind in einem Land unter hohem Siedlungsdruck zentral für unsere Lebensqualität.

Der Garten ist ein Freiraum – ein Raum, den unsere Freiheit braucht, um sich zu entfalten. Darauf macht das Gartenjahr 2016 aufmerksam.

01. mars 2016 | Brigitte Häberli-Koller | Ständerätin, Vorstandsmitglied der Nationalen Informationsstelle zum Kulturerbe NIKE

Fünf Punkte zum «Wie» der Verdichtung

Lösungen vom Bestand aus entwickeln

Die Frage, ob wir unsere Siedlungsräume in Zukunft verdichten müssen, wird weitherum bejaht. Als nächstes muss deshalb die Frage im Zentrum stehen, wie diese Verdichtung umgesetzt werden soll.

Was denken Sie, wenn Sie «Oasen» lesen? Oase bezeichnet eine Wasserstelle, die in einem lebensfeindlichen Umfeld zum Lebensraum wird. Hier leben und arbeiten Menschen, treffen sich Händler und Reisende, werden Häuser gebaut und Politik gemacht. Hier erblüht Kultur. Während in der Oasenstadt das Leben pulsiert, bedeutet Oase für uns ein Ort der Ruhe. Hier öffnet sich, mitten im Dichtestress unserer Umwelt, ein Freiraum. Wir liegen im Schatten alter Bäume, lassen den Blick über Blumenbeete schweifen, lauschen dem Wasserspiel eines Brunnens, sehen anderen beim Müssiggang zu. Diese Oase schafft Platz für Gedanken und Ideen. Auch sie ist kultureller Ort schlechthin.

Lebensraum oder Ruheort – das ist kein Widerspruch, denn bei beiden Aspekten gewinnt die Oase ihre Bedeutung erst in der Abgrenzung, sei es von der Wüste oder vom hektischen Alltag. In jedem Fall bezeichnet sie den anderen Raum. Je stärker sich der Kontrast zu jenem Raum abzeichnet, desto klarer tritt die existenzielle Bedeutung der Oase und der Kultur in den Vordergrund. Es geht nicht ohne sie, sie sind lebenswichtig.

Um diese Essenz geht es, wenn sich die Kampagne Gartenjahr 2016 – Raum für Begegnungen ein Jahr lang für den Erhalt und die Entwicklung von Freiräumen und Gärten stark macht. Sie nimmt damit an der aktuellen Diskussion um die bauliche Verdichtung teil. Die Frage, ob wir unsere Siedlungsräume in Zukunft verdichten müssen, wird weitherum bejaht. Als nächstes muss deshalb die Frage im Zentrum stehen, wie diese Verdichtung umgesetzt werden soll. Eine pauschale Antwort gibt es allerdings nicht.

Für dieses «Wie» postuliert die NIKE folgende fünf Punkte:

1. Denken wir Lösungen vom lokalen Kontext aus. Normen und Quoten sind nur bedingt zielführend.

2. Denken wir Lösungen vom Bestand aus. Dieser liefert wertvolle Hinweise zu Strukturen, Massstäblichkeiten oder Materialität. Inventare liefern wichtige Hinweise auf Verdichtungspotential. Altstädte aber auch (Kultur-)Landschaften sind authentische Zeugnisse unserer Geschichte und Kultur und tragen dazu bei, dass wir uns in unserer Umgebung wohlfühlen.

3. Führen wir das auf verschiedene Gruppen (Raumplanerinnen, Denkmalpfleger, Architekten, Forschungsinstitute etc.) verteilte Know-how zusammen, um im Gespräch die besten Lösungen für die Transformation bestehender Strukturen im Sinne qualitätvoller Verdichtung zu finden. Auch die Betroffenen sind unbedingt miteinzubeziehen.

4. Lassen wir uns die Massnahmen etwas kosten. Denn was wir jetzt gut hinkriegen, müssen wir später nicht mehr korrigieren, was Kosten spart.

5. Und last but not least: Denken wir vom öffentlichen Raum aus.

Was für die bauliche Verdichtung allgemein gilt, gilt auch für Freiräume und Gärten. Der Blick auf solche Oasen zeigt: Sie haben eine zentrale Funktion in verdichteten Räumen und können – oder müssen? – deshalb Ausgangspunkt sein, um Konzepte für ein lebensfreundliches Wachstum nach innen zu entwickeln.

Sind Sie anderer Meinung? Die Debatte ist eröffnet, wir freuen uns über Ihre Reaktionen – auf Facebook oder an info@nike-kulturerbe.ch.

 

© A.-M. Biland, Bern

28. favrer 2016 | Peter Wullschleger | Geschäftsführer BSLA

Es geht ums Ganze

Von der Siedlungsentwicklung zur Landschaftsgestaltung.

Siedlungsentwicklung ist in der Tat ein ziemlich fader Begriff, nüchtern, neutral im Geschmack. Er hat etwas beobachtend-langweiliges. Landschaftsgestaltung ist da schon aus anderem Holz geschnitzt. Tiefgründiger, vielschichtiger. Emotional, aktiv, kreativ. Landschaft lässt keinen kalt, allein schon die Ansprache eines konkreten Perimeters stellt eine Beziehung zu ihr her, erweckt sie zum Leben. Landschaft impliziert Gefühle, Bilder, Sehnsüchte, Vorstellungen und Ideale. Nimmt man der Landschaft all das weg, bleiben nur Hülsen, welche wir bevorzugt «Raum» nennen.

Wahrnehmung, Natur und Handeln
Wahrnehmung ist das Zauberwort, denn es steckt auch in der modernen Definition von Landschaft. «Landschaft», ein Gebiet, wie es vom Menschen wahrgenommen wird. Man könnte auch sagen «ein Raum, wie er vom Menschen wahrgenommen wird». Also könnte man einen wahrgenommenen Raum als Landschaft bezeichnen oder umgekehrt eine nicht wahrgenommene Landschaft als Raum. Wahrnehmung ist aber nur ein erstes Drittel. Ein zweites ist das, was man Natur nennen könnte, also alles, was nicht unmittelbar eine Frucht menschlichen Handelns ist, wie Topographie, Geologie, Boden, Wasser, natürliche Sukzession und Klimaxvegetation, Licht, Wetter und Klima. Das dritte Drittel ist alles, was der Mensch mit seinem Handeln zur Gestalt der Landschaft beiträgt, bewusst oder unbewusst, als Resultat seines Wirtschaftens. Dieses kann, ja muss man als Gestaltung bezeichnen. Denn nicht nur wenn der Mensch ein Auto, ein Haus oder eine Stadt baut, hat das Resultat eine Gestalt, sondern auch wenn er eine Strasse anlegt, einen See staut, oder Kühe auf eine Weide treibt. Bewusst oder unbewusst: Es handelt sich um gestalterische Akte oder zumindest um Handlungen mit gestalterischen Konsequenzen. Wir leben in einer Zeit, in der diese definitorischen Stellschrauben neu justiert werden.

Die Reise «von der Siedlungsentwicklung zur Landschaftsgestaltung» hat begonnen. Zeit für die Landschaftsarchitektur, Selbstbewusstsein zu manifestieren und sich als Reiseleiter aufzudrängen. Dies braucht ein neues Gestaltungsverständnis auf beiden Seiten. Annäherung ist angesagt. Ökologen und Sozialwissenschaftler müssen lernen, dass Gestaltung nicht schlicht das Raum gewordene Resultat gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse ist, sondern ein bewusster Akt im Hinblick auf ein gewünschtes Ziel, basierend auf einer Expertise. Landschaftsarchitekten müssen sich für diese Expertise empfehlen. Am erfolgreichsten werden Sie dabei sein, wenn Sie erkennen, dass Gestaltung mehr ist als ein individuell künstlerisch-kreativer Akt, appliziert auf die Leinwand genannt Landschaft.

Landschaftsgestaltung als Prozess
Landschaft und deren Gestaltung sind Verhandlungsgegenstände, welche nur in breit abgestützten, interdisziplinären und partizipativen Verfahren angegangen werden können. Und Landschaftsgestaltung ist nicht das Vorlegen eines Projekts, nicht eine einmalige Investition,  sondern ein laufender Entwicklungsprozess, der angestossen, begleitet und ausgerichtet werden will. Je früher die Landschaftsarchitektur in diesen Prozessen beteiligt ist, oder wenn sie sogar von Landschaftsarchitekten angeregt oder ausgelöst werden, umso besser. Dies gilt sowohl für den Siedlungsraum wie auch für die offene Landschaft.

Schaffung, Sicherung und Pflege von Freiraum und Landschaft sind kulturelle Akte. Innovative Lösungen finden sich also nicht in den Entwicklungsabteilungen von CAD-Software-Firmen,  sondern sie kommen immer aus der Abteilung Integration. Die Überwindung von Sektorengrenzen hin zu einer gesamtheitlichen Sicht ist Voraussetzung für jede landschaftliche Qualitätsdiskussion. Innovative Lösungen sind immer Lösungen, welche im Verbund angegangen werden, Rezepte hinterfragen, auf qualifizierten Analysen basieren, einen systemischen, gesamtheitlichen Ansatz haben und Bilder und Visionen produzieren, diskutieren und kommunizieren.

Bleibt das Problem der Wertbeimessung der qualitätvollen, sprich schönen und Bedürfnisse erfüllenden Landschaft. Bleibt das Problem des politischen Willens, gesellschaftliche Tendenzen aufzunehmen und in politische Aktion umzusetzen. Landschaft als gesellschaftliches Thema ist heute «in», aber noch lange nicht relevant.

aus: anthos 1 • 16

27. favrer 2016 | Daniel Schneller | Präsident der Konferenz der Schweizer Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger KSD

2016 ist Gartenjahr

Den Gartenraum mitdenken! Den Freiraum einfordern!

Vorschnell wird Verdichtung mit der Überbauung von unbebauten Flächen gleichgesetzt und Vorgärten, begrünte Innenhöfe, Baumgärten usw. werden aufgegeben. Verdichtung bedeutet jedoch eine qualitätsvolle Innenentwicklung und umfasst deshalb den sorgfältigen Umgang mit bebauten und unbebauten Flächen.

Verdichtung als Zauberwort im Kampf gegen den täglichen Konsum von Bau- und Kulturland ist in aller Munde, ruft jedoch bei der Bevölkerung Ängste hervor, Dichtestress in allen Facetten. Anstelle der polemischen, eindimensional geführten Diskussion soll eine differenziertere und zukunftsfrohe Betrachtung gefördert werden. Wie hoch der jeweilige Anteil von nicht überbauten Gärten und Freiräumen in Verdichtungsgebieten sein soll, ist über eine sorgfältige Analyse spezifisch festzulegen.

Die Konferenz der Schweizer Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger KSD setzt sich für eine verbindliche Festlegung von Freiraumflächen ein und engagiert sich für den Schutz von bestehenden Garten- und Grünräumen. In den Kantonen und Städten werden nicht nur im Rahmen der Denkmaltage am Wochenende vom 10. und 11. September 2016 die Bevölkerung und die Entscheidungsträger über den hohen, gesellschaftlichen Wert von öffentlichen Parks, Platzanlagen und Grüngürtel aufgeklärt. Daneben sind auch verschiedene Veranstaltungen, wie auf dem Areal der Gartenbauausstellung Grün 80 bei Münchenstein geplant, an welchen auch die Risiken einer zu hohen Nutzung von Grünräumen thematisiert werden. Wir heissen Sie herzlich Willkommen und freuen uns über einen angeregten Dialog zwischen Nutzern, Planern, Denkmalpflegenden und Müssiggängern.

27. favrer 2016 | Peter Egli | Schweizer Heimatschutz

Zeit zum Handeln

Die Zeitschrift «Heimatschutz/Patrimoine» zum Gartenjahr 2016

Die aktuelle Ausgabe der zweisprachigen Mitgliederzeitschrift «Heimatschutz/Patrimoine» ist dem Gartenjahr 2016 gewidmet. In verschiedenen Hintergrundartikeln werden heutige Herausforderungen für Gärten und Parks beschrieben. Sei es die Sanierung von vergifteten Vorgärten, die Schutzbemühungen für gefährdete Parks im Kanton Tessin oder die anspruchsvolle Neugestaltung von Flussufern – die beschriebenen Themen zeigen, dass der Erhalt und die Entwicklung von Freiräumen und Gärten ein brennendes Thema ist. Es ist Zeit zum Handeln.

Der Schweizer Heimatschutz setzt sich für eine sorgfältige Entwicklung der Siedlungsgebiete ein. Dabei spielen Grün- und Freiräume eine zentrale Rolle. Die führende Nonprofit-Organisation im Bereich Baukultur engagiert sich deshalb stark in der Kampagne «Gartenjahr 2016 – Raum für Begegnungen» und zündet ein Feuerwerk an Aktivitäten zum Schutz der Grünanlagen. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Heimatschutz/Patrimoine werden diese vorgestellt, begleitet von vier Hintergrundberichten zum Thema.

Gifte der Fabrik in der geschützten Arbeitersiedlung
Teerplatten, die vor Jahrzehnten für Gartenwege Verwendung fanden, werfen einen langen Schatten auf die Arbeitersiedlung «Elsässli» in Derendingen SO. Die Böden des industriegeschichtlich bedeutenden Ensembles aus den 1870er-Jahren sind vergiftet. Mit dem Schoggitaler 2016 hilft der Schweizer Heimatschutz mit, dass neue Gärten entstehen können, die Denkmalpflege und Biodiversität gleichermassen Rechnung tragen.

«Gartenkultur ist die Beschäftigung mit dem freien Raum»
Stefan Rotzler ist Landschaftsarchitekt. Heute ist er vor allem beratend tätig, begleitet Wettbewerbe oder vergibt als Jury-Mitglied Preise im In- und Ausland – unter anderem ist er Präsident der Kommission des Schulthess Gartenpreises des Schweizer Heimatschutzes. In einem Interview äussert er sich über den Gegenstand Garten und die Kultur des Freiraumes.

Gärten und Parks unter Druck
Historische Parkanalagen und Gärten sowie freie Flächen im Siedlungsraum sind im Tessin einem kontinuierlichen und stetig zunehmenden Druck ausgesetzt. Zum Beispiel der Park der Villa Argentina in Mendrisio: Die 1985 unter kantonalen Schutz gestellte Parkanlage ist in Gefahr, zerstört zu werden.

Zwischen Hochwasserschutz und Erholungslandschaft
Nutzung und Bedeutung von Gewässern, insbesondere von Flüssen und Bächen, haben sich im Laufe der Geschichte grundlegend gewandelt. Um die Wasserkraft zu nutzen und an den Ufern gefahrlos siedeln zu können, wurden Fliessgewässer lange Zeit gezähmt – begradigt, kanalisiert. Dies ist derzeit im Wandel begriffen: Im Zuge des Siedlungsdrucks und der Verdichtung werden Räume am Wasser einer Neubeurteilung unterzogen. Sowohl die Gefahrenlage als auch die Landschaftsästhetik werden gegenwärtig neu definiert.

Link zur Zeitschrift.

16. settember 2015 | Peter Wullschleger | Mitglied der Trägerschaft

2016 ist Gartenjahr!

Das Bevölkerungs- und Siedlungswachstum der Schweiz haben zu einer breiten Diskussion über die Eindämmung der Zersiedelung und die Schonung der Landschaft geführt. Die Schweizer Bevölkerung hat in jüngster Zeit wiederholt an der Urne den Willen zur Innenentwicklung und urbanen Verdichtung unterstrichen.

Freiräume wie Gärten, Parks, Plätze und Grünflächen verschiedenster Art leisten in urbanen Gebieten einen zentralen Beitrag zur Lebens- und Siedlungsqualität. Sie schaffen Möglichkeiten für Erholung und sozialen Austausch, stärken die Identität eines Ortes.

Keine qualitätvolle urbane Verdichtung ohne genügend qualitätvolle Freiräume!

Durch das Gebot der Verdichtung geraten bestehende Freiräume verstärkt unter Druck; Einerseits durch die Bebauung und andererseits durch grösseren Nutzungsdruck auf die verbleibenden Flächen. Je dichter die Siedlung, desto wichtiger wird die Qualität der öffentlichen Räume. Die Bedeutung der Freiräume wird jedoch in Planungsprozessen und Projekten häufig nicht ausreichend berücksichtigt Die Bevölkerung wird zu wenig eingeladen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und in die Planungsprozesse einzubringen.

Eine breite Diskussion zu Bedeutung, Nutzen und Pflege von Freiräumen in einer immer urbaneren Schweiz ist dringend angezeigt. Die Kampagne «Gartenjahr 2016 – Raum für Begegnungen» bietet dafür eine Plattform. Die Trägerschaft ist überzeugt, dass durch einen breiten fachlichen Diskurs und die Sensibilisierung der Bevölkerung im Rahmen der Kampagne konkrete Verbesserungen der Freiraumsituation initiiert werden können, dass Potentiale und Chancen besser erkannt und so Planungsfehler verhindert werden können.

Gemeinden, Fachorganisationen, Gartenfreunde, Schulen, Kunst- und Kulturschaffende sind eingeladen, im Rahmen der Kampagne Veranstaltungen und Projekte zu lancieren, welche die Kampagnenziele unterstützen.

Wir freuen uns mit Ihnen auf diesen Dialog, auf vielfältigste Begegnungen mit der Natur, mit Kultur und Geschichte und natürlich auf die Begegnung mit anderen Menschen.

16. settember 2015 | Patrick Schoeck | Schweizer Heimatschutz SHS

Verdichtung von Freiräumen und Baudenkmälern her denken

Identität und Lebensqualität entstehen aus bestehenden Werten

Die bauliche Entwicklung innerhalb des Siedlungsgebietes hilft, die Natur zu schonen. Bauen im Bestand verlangt jedoch nach Respekt und Umsicht – gerade auch gegenüber den Frei- und Grünräumen im Siedlungsgebiet.

Mit seinen Auszeichnungen, Publikationen und Veranstaltungen macht der Heimatschutz auf den Wert von Parks, Gärten, Alleen oder Ufer aufmerksam.

Letztes Jahr richtete der Schweizer Heimatschutz sein Augenmerk besonders auf die öffentlichen Räume. 2014 erhielt die Stadt Uster den Schulthess Gartenpreis für den zähen Willen, den Aabach vom einstigen Industriekanal zur neuen grünen Mitte einer Stadt mit 33‘000 Einwohnern umzuformen. Der Wakkerpreis ging an die Stadt Aarau, die ihre Quartiere mit Rücksicht auf die vorhandenen Qualitäten des Aussenraumes weiterentwickelt. Diese Beispiele veranschaulichen, dass Freiräume und wertvolle Bauten und bestehende Siedlungsstrukturen Schlüssel für eine Verdichtung mit hoher Lebensqualität sind.

Zeitgleich haben die kantonalen Heimatschutz-Sektionen 2014 ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm auf die Beine gestellt. An über 50 Anlässen bot sich der breiten Bevölkerung die Gelegenheit, über den Wert von Parks, Plätzen, Alleen, Seeufer oder Privatgärten zu diskutieren.

Im Gartenjahr 2016 werden der Schweizer Heimatschutz und seine Sektionen dieses wichtige  Engagement fortsetzen. Für die Umsetzung wurden beträchtliche Mittel – namentlich aus dem Schoggitaler – zurückgestellt. Zentraler Leitgedanke ist die einfache Formel: Häuser, Ensembles und Ortsbilder sind untrennbar verbunden mit der Umgebung. Ohne Rücksichtnahme auf diesen Grundsatz droht letztlich eine Zersiedelung gegen innen.

PS: Das Veranstaltungsprogramm ist in zahlreichen kantonalen Heimatschutz-Sektionen im Moment in der Erarbeitung. Wenn Sie sich aktiv mit interessanten Themen einbringen möchten, treten Sie rasch direkt in Kontakt mit unseren kantonalen Sektionen.

16. settember 2015 | Paula Borer | Nationale Informationsstelle zum Kulturerbe NIKE

Oasen im Alltag

Europäische Tage des Denkmals 2016 und NIKE-Bulletin

Verweilen, auftanken und Geschichte erleben: Am 10. und 11. September 2016 ist es möglich. Die 23. Ausgabe der Denkmaltage in der Schweiz präsentiert Erholungs- und Rückzugsorte in ihrem historischen Kontext.

Die von der NIKE koordinierten Europäischen Tage des Denkmals schliessen sich 2016 dem Gartenjahr an und rücken schützenswerte Entspannungsorte aller Art ins Scheinwerferlicht: Von historischen Gärten, Landschaftsparks und urbanen Plätzen über Friedhöfe und Gartenstadt-Siedlungen bis zu gestalteten Firmenarealen, botanischen Gärten und Kulturlandschaften erschliessen sich die vielfältig vorhandenen Ruhe- und Rückzugsorte einem breiten Publikum.  Damit richten die Denkmaltage 2016 den Fokus auf bestehende Freiräume, die als Oasen im Alltag funktionieren und damit einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität in der von Bevölkerungs- und Siedlungswachstum geprägten Schweiz leisten. Ganz im Sinne der Oase wird das Publikum eingeladen, während zwei Tagen zu verweilen, einzutauchen und aufzutanken in einem wohltuenden und überraschend reichen Kapitel des kulturellen Erbes der Schweiz.

Mit ihrem vielfältigen, breit abgestützten und schweizweiten Veranstaltungsprogramm bündeln die Europäischen Tage des Denkmals die Energien der Beteiligten, schaffen einen festlichen Rahmen für die Vermittlung der historischen Grün- und Freiräume und wirken so als ein Leuchtturm des Gartenjahres 2016.

Bereits im März erscheint das NIKE-Bulletin als Sonderausgabe zu den Denkmaltagen. Das Heft wirft mit anschaulichen und vertiefenden Artikeln Licht auf die vielfältigen Aspekte des Themas, liefert Anregungen für Veranstaltungen und macht Lust auf mehr. Auch die weiteren Ausgaben der Zeitschrift werden im Zeichen des Gartenjahres stehen und Blicke auf Freiräume und Verdichtung werfen.

Bally-Park_Schönenwerd, © NIKE
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